Startseite » Aktuelles » Corona und erste Einschätzungen zu den Folgen

Auf Anfrage eines der uns belegenden Jugendämter wurden wir Mitte 2021 um eine Einschätzung gebeten, wo im ambulanten und stationären Bereich durch die Pandemie Mehrbelastungen entstanden sind, welche dies aus unserer Sicht sind und auch darum, welche möglichen Folgen noch entstehen könnten.

Die nachstehenden Einschätzungen basieren auf den Hinweisen verschiedener Wohngruppen des Linzgau Kinder- und Jugendhilfe e. V.

Vormittagsbetreuung
Durch die Vormittagsbetreuung bzw. durch das Homeschooling war ein erhebliches „Mehr“ an Personal notwendig. Durch die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Schulen und der heterogenen Leistungsniveaus der jungen Menschen mussten teilweise zwei pädagogische Mitarbeiter*innen am Vormittag eingesetzt werden, um die Aufgaben zu bewältigen. In der Konsequenz waren dann mitunter nur noch Einzeldienste möglich oder es baute sich eine große Zahl an Mehrstunden auf, die über einen großen Zeitraum nunmehr wieder abgebaut werden müssen und damit einen zusätzlichen Kostenfaktor für die Einrichtung bedeuten, der uns sicherlich noch eine Weile begleiten wird.

Psychische Belastung
Die Pandemiebestimmungen führten immer wieder zu Verunsicherungen bei den Mitarbeiter* innen der Wohngruppen, da im Grunde ständig neu geklärt werden musste, welche Regelungen aktuell gelten. Schulische Lehraufgaben mussten übernommen werden., Dadurch blieb oft kaum mehr Zeit, formale Anforderungen, wie Berichte und ähnliches zu erfüllen, da sie rund um die Uhr von Kindern und Jugendlichen „umgeben“ waren.

Durch die Beschränkungen fielen viele Freizeitmöglichkeiten weg und es fehlte ein Ausgleich. Dadurch kam es in den Wohngruppen hin und wieder zu einer Art „Lagerkollaps“ und es ergaben sich häufigere Eskalationen. In den Gruppen kam schnell ein Gefühl von fehlender Nähe zwischen Betreuer*innen und Jugendlichen auf – nicht zuletzt durch die Einhaltung der Hygieneregeln. Hinzu kam, dass Heimfahrten zum Teil nicht wahrgenommen werden konnten. Darunter haben die jungen Menschen teilweise enorm gelitten. Aber auch Einzelfälle, bei denen Kinder in eine Zimmerquarantäne mussten und die restlichen Kinder der Gruppe sowie Mitarbeitende ebenfalls unter Quarantäne gestellt wurden, wirkten sich sehr belastend aus.

Es ist schwer einzuschätzen, wie sich diese Krisen, die fehlende Beschäftigung der Kinder und Jugendlichen sowie die fehlende Nähe auf die zukünftige Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auswirken werden. Aber es ist davon auszugehen, dass dies weitere Krisen und evtl. auch Abbrüche nach sich ziehen wird. Ebenso gehen wir davon aus, dass diese Zeit bei einzelnen Mitarbeiter*innen nachfolgend eine höhere Krankheitsanfälligkeit mit sich bringen wird.

Aktuell ist eine höhere Anzahl an individuellen Einzelbetreuungen notwendig, um angestaute Aggressionen und Frustrationen zu thematisieren bzw. auszugleichen.

Ein weiterer Punkt war rückblickend, dass wir – ehrlicherweise gesprochen – mitunter viel Vertrauen aufbringen und auch auf das Glück hoffen mussten: in der Zusammenarbeit mit den Eltern wurden Kinder beurlaubt und nach dem Wochenende wurde anschließend schriftlich erhoben, ob die Eltern die notwendigen Maßnahmen eingehalten haben. Bei einigen Eltern zeigte sich nachfolgend jedoch, dass diese sich – trotz Bestätigung – nicht an die Absprachen gehalten hatten und wir mussten hoffen, dass sich die jungen Menschen nicht angesteckt hatten.

Bei Inobhutnahmen blieb ebenfalls, trotz Schnelltests und Fieber messen eine Restunsicherheit, ob die jungen Menschen möglicherweise doch infiziert sind.

Entwicklung der Hilfen
In der Zusammenarbeit mit Eltern ist jetzt immer noch deutlich zu bemerken, dass es insgesamt zu einem Rückzug kam und sich durch Corona hier Möglichkeiten ergaben, aus dem Kontakt zu gehen. Hier ist nach wie vor ein großer Aufwand notwendig, um die Eltern wieder in Kontakt mit der Einrichtung zu bringen. Dies deckt sich mit Rückmeldungen aus dem Bereich der ambulanten Hilfen (Soziale Gruppenarbeit und Integrationshilfen), die dies ebenfalls deutlich spüren.

In einigen Fällen wurde die Zusammenarbeit mit Eltern, die im Kontakt blieben, außerordentlich schwierig. Die Mitarbeiter*innen mussten die Sorgen auffangen und vermehrt im Kontakt sein. In einigen Fällen kam es zu Abbrüchen durch die Eltern.

Die Kinder und Jugendlichen konnten nur noch eingeschränkt gefördert werden, da alle Vereine und Freizeitangebote eingestellt wurden und teilweise immer noch nur eingeschränkt wahrgenommen werden können. Dies hat bei vielen Jugendlichen zu Rückzug, gelegentlich auch zu Mehrgewicht und vor allem zu fehlender Motivation geführt, jetzt wieder Angebote wahrzunehmen.

Bei schwierigen Entwicklungen waren die Gruppen und die Einrichtung oft auf sich gestellt, da die zuständigen Mitarbeiter*innen bei Jugendämtern nur bedingt bzw. schwer zu erreichen waren und aufgrund von Vorgaben der Ämter nur selten an wichtigen Terminen teilnehmen konnten. Hier kam es immer wieder zu schwierigen Verzögerungen, um die Hilfen frühzeitig in die richtige Richtung zu bringen. Aufgrund der aufgestauten Arbeit in vielen Ämtern bleibt es nach wie vor sehr schwierig, ausreichend gut in den Kontakt zu kommen. Hier sehen wir teilweise die Gefahr von kritischen Entwicklungen, wenn bspw. Übergänge ins Berufsleben zu spät geplant werden und so die optimalen Plätze nicht mehr verfügbar sind.

Auch gab es während der Pandemie eine längere Zeit, in der es weder zu Inobhutnahmen oder zu geregelten Aufnahmeanfragen kam. Die Inobhutnahmen, die dann später in den Wohngruppen aufgenommen wurden, zeigten oft deutlich auffällige Verhaltensweisen in den Bereichen Medienkonsum, Drogenmissbrauch auch vor dem Hintergrund fehlender Tagesstrukturen. Insbesondere die Themen Schulverweigerung und Defizite im schulischen Bereich werden die Kinder- und Jugendhilfe nach unserer Einschätzung noch lange tangieren.

Auch Kooperationen mit Netzwerkpartner*innen, beispielweise bei der Gestaltung von Über-gängen, haben stagniert. Viele Partner*innen, die bisher Ausbildungsplätze anboten, tun dies aktuell nicht, da sie mit eigenen Existenzängsten befasst sind. Auch ist die Bereitschaft, schwierige Situationen mit unseren Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchzustehen, aus unserer Sicht deutlich gesunken.

Ebenso ist die medizinische und therapeutische Versorgung äußerst schwierig geworden. Bei der Anfrage nach stationären Plätzen im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich ergeben sich Wartezeiten von bis zu einem ¾ Jahr, was sich mitunter als äußerst schwierig für den Verbleib in einer Wohngruppe erweist, insbesondere, wenn es um Clearing oder die Bewälti-gung aktueller Krise geht.

Zusammenfassend sehen wir folgende Herausforderungen und Aufgaben:

 

  • wir werden uns künftig noch mehr mit fehlenden Strukturen, Bildungsdefiziten, Schulverweigerung und evtl. auch Armut als Folge von fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten in Einzelhandel, etc. in Familien beschäftigen müssen,
  • es wird notwendig sein, Defizite in der Betreuung in der letzten Zeit zu kompensieren durch Einzelkontakte zu den Kindern,
  • wir werden verstärkt versuchen müssen, Kinder und Jugendliche in Vereine und Freizeitangebote zu integrieren, um sie in Netzwerken zu integrieren,
  • wir gehen davon aus, dass es durch fehlende Motivation und fehlendes Selbstwertgefühl vermehrt zu Abbrüchen kommt,
  • wir müssen die Zusammenarbeit mit Eltern intensivieren. Zunächst niederschwellig, um die Eltern wieder mit der Einrichtung in Kontakt zu bringen, um später auf dieser Basis wieder zu einer konstruktiven Zusammenarbeit zu kommen,
  • Beratungs- und Therapieangebote werden voraussichtlich stärker in Anspruch genommen werden müssen,
  • die medizinische Versorgung im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich wird voraussichtlich auf längere Zeit überlastet sein,
  • Netzwerkpartner*innen, speziell im Bereich der Ausbildung, werden stärker gestützt werden müssen. Evtl. braucht es hier Sonderformen bei der Ausbildungsvergütung,
  • vermutlich wird die Nachfrage an ambulante Unterstützungsformen zunehmen, um Folgen der Pandemie und schwierige familiäre Situationen aufzufangen,
  • eventuell muss die Frequenz der Hilfeplanungen für eine gewisse Zeit in einigen Fällen steigen, um alle, insbesondere das familiäre System, wieder mehr in die Verantwortung zu bringen.

Überlingen, 25.08.2021